Ein Kommentar:
Das war so mit Sicherheit nicht geplant. Unter einem Video von Melissa Naschenweng übersetzte die automatische Untertitelung ihren Hit „I steh auf Bergbauernbuam“ plötzlich mit den Worten: „Ich steh auf Nazis.“ Eigentlich ein absurder technischer Fehler, über den man im ersten Moment lachen könnte. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt dieser Vorfall gleich mehrere Probleme unserer heutigen Medienwelt.
Niemand kann aus diesem Fehler ernsthaft ableiten, Melissa Naschenweng würde rechtes oder gar nationalsozialistisches Gedankengut vertreten. Das wäre Schwachsinn sondergleichen. Und trotzdem entsteht für eine Künstlerin ein enormer Schaden. Denn heutzutage lesen viele Menschen nicht mehr einen ganzen Artikel. Gerade auf Social Media geht es um Sekunden. Überschrift lesen, Bild sehen, weiterscrollen. Was bleibt möglicherweise hängen? „Melissa Naschenweng – Ich steh auf Nazis.“ Der Zusammenhang ist längst vergessen, die Schlagzeile bleibt. Genau hier tragen Medien und Social-Media-Plattformen Verantwortung. Natürlich darf und soll man über eine derart kuriose Panne berichten. Problematisch wird es aber dann, wenn Überschriften so formuliert werden, dass der Eindruck entsteht, Naschenweng selbst hätte etwas Derartiges gesagt. Klicks bedeuten Reichweite, Reichweite bedeutet Geld. Doch der Preis dafür darf nicht der Ruf eines Menschen sein. So können Fake News entstehen, ohne dass jemand ursprünglich bewusst eine falsche Geschichte erfunden hat: durch Verkürzung, reißerische Überschriften und ständige Wiederholung. Irgendwann bleibt nur noch die Assoziation: „Da war doch einmal etwas mit Naschenweng und Nazis.“
Dazu kommt ein zweites Problem: Die Volksmusik- und Schlagerszene wird in Österreich seit Jahren von Teilen des Medienbetriebs unterschätzt und teilweise geradezu belächelt. Man muss es einmal deutlich sagen: Volksmusik ist nicht rechts. Menschen, die Tracht tragen, Harmonika spielen, von Bergen und Heimat singen oder auf einem Volksfest auftreten, sind deshalb nicht automatisch nationalistisch. Viele dieser Musiker haben als Kinder vom Vater oder Großvater Harmonika gelernt, haben auf kleinen Festen gespielt, für geringe Gagen musiziert und sich über Jahre ein Publikum aufgebaut. Das sind Musiker, keine politische Bewegung. Trotzdem haftet dieser Szene immer wieder das Vorurteil an: „Das sind doch alles Rechte.“ Nein. Sind sie nicht.
Besonders widersprüchlich wird es beim Blick auf den österreichischen Musikmarkt. Wo hört man auf Ö3, Kronehit und vielen anderen großen Sendern regelmäßig österreichischen Schlager oder Volksmusik? Kaum irgendwo. Gleichzeitig gibt es Künstler wie Andreas Gabalier, Melissa Naschenweng, Nik P. oder die Jungen Zillertaler, die Woche für Woche auftreten, tausende Menschen erreichen und für eine funktionierende Livebranche sorgen. Sie verkaufen Konzertkarten, ihre Musik wird gestreamt, sie generieren Tantiemen und schaffen wirtschaftliche Wertschöpfung in Österreich. Man muss diese Musik nicht mögen. Aber man sollte respektieren, dass dafür offensichtlich ein großes Publikum existiert. Manchmal bekommt man sogar den Eindruck, dass ein kaum bekannter Künstler aus einem alternativen Umfeld für manche Redaktionen automatisch interessanter ist als ein österreichischer Schlagerkünstler, der regelmäßig ganze Hallen füllt. Auch darüber sollte man diskutieren dürfen.
Vielleicht haben wir sogar ein Problem mit dem Begriff „Volksmusik“. In den USA heißt eine musikalische Welt aus Heimat, Land, Tradition, Familie und regionaler Verbundenheit einfach Country Music. Cowboyhut, Banjo und Lieder über das Leben auf dem Land gelten dort als eigene Musikkultur. Bei uns reicht manchmal schon eine Steirische Harmonika, und plötzlich wird eine politische Diskussion daraus.
Und schließlich bleibt die eigentliche Ursache dieser Geschichte: eine Maschine. Künstliche Intelligenz wird der Menschheit enorme Möglichkeiten eröffnen. Sie wird Prozesse beschleunigen, übersetzen, analysieren und Menschen in vielen Bereichen unterstützen. Auch in der Medizin kann KI bei der Auswertung bildgebender Untersuchungen eine wichtige Hilfe sein. Aber genau solche Fälle zeigen: KI braucht Kontrolle. Eine Maschine kann sich irren. Und manchmal sind drei falsch verstandene Wörter eben nicht nur drei falsch verstandene Wörter. Für eine Künstlerin können sie zu einer Schlagzeile werden, für Medien zu Klicks und für Leser zu einer völlig falschen Assoziation. Deshalb wird es weiterhin Menschen brauchen, die Ergebnisse überprüfen, Zusammenhänge verstehen und Verantwortung übernehmen.
Melissa Naschenweng hat nicht gesungen: „I steh auf Nazis.“ Sie singt: „I steh auf Bergbauernbuam.“ Eine automatische Untertitelung hat einen Fehler gemacht – nicht Melissa Naschenweng. Wir sollten deshalb aufpassen, dass aus einem technischen Fehler keine politische Geschichte konstruiert wird. Und vielleicht sollten wir gleichzeitig wieder etwas stolzer darauf sein, dass Österreich eine lebendige Schlager- und Volksmusikszene besitzt. Man muss diese Musik nicht lieben. Aber man sollte sie respektieren.
Bleiben wir bei den Fakten.
Maximilian Schwertführer

